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Bourgoin-Jallieu wird Tradition 

So ruckelig wie die Hinfahrt, so schön war der diesjährige, zweite Erasmus-Austausch der Achtklässler in Bourgoin-Jallieu in der letzten Aprilwoche. Nach dem Ausfall unseres reservierten TGV empfanden wir vier improvisierte Umstiege und zwölf Stunden Reisezeit geradezu als Erfolgsgeschichte, als wir mit zwei Stunden Verspätung spätabends endlich in BJ ankamen. 16 geduldige Familien sammelten ihre Austauschpartner ein und am Dienstagmorgen ging es gleich los mit einem eng getakteten Programm.


Als Erasmus-Fahrt stand das Thema der gemeinsamen Vergangenheit Deutschlands und Frankreichs und ihre Auswirkungen heute im Mittelpunkt der Begegnung. Zwei Aspekte wurden in Ausflügen, Workshops und gemeinsamem Unterricht bearbeitet:

Wir haben Migration früher und heute verglichen und als Einstieg in Lyon eine immersive Ausstellung über die Untergangsfahrt der Titanic besucht. Jeder bekam eine Fahrkarte mit authentischem Namen und Daten eines europäischen Passagiers und die Aufgabe, auf dem Rundgang zusätzlich Informationen zu sammeln, um sich ein biografisches Bild zu machen. Aus welchen Verhältnissen kam dieser Mensch? Was waren die Beweggründe, die Reise über den Ozean anzutreten? Gerade bei den Reisenden der 3. Klasse konnte man anhand von Alter, Beruf, Herkunft, Familienstand und Zielhafen erkennen, dass auch im Jahr 1912 der American Dream noch eine große Anziehungskraft ausübte.
Diesen Gedanken haben wir in zwei Workshops vertieft und die Motive von europäischen Auswanderern anhand konkreter Beispiele zur Zeit der Industrialisierung und danach analysiert – und auch einen zentralen Teil des Films mit di Caprio gesehen:) Von dort war die Brücke zur Gegenwart auf einmal recht naheliegend, weil auch heute Menschen ihre Heimat aus ähnlichen Gründen verlassen; allerdings hat Europa die USA als Ziel der Hoffnung abgelöst. Ergebnisse des Workshops waren:

  • Armut und Hunger
  • Arbeitslosigkeit
  • Vermeidung von Wehrdienst
  • medizinische Versorgung
  • freies Bildungssystem
  • gerechte Besteuerung
  • Rechtsstaat
  • Hoffnung auf sozialen Aufstieg 
  • Suche nach besseren gesellschaftlichen Bedingungen und verankerten Menschenrechten wie Meinungsfreiheit, Redefreiheit, Religionsfreiheit und das Wahlrecht.
    Abschließend haben wir besprochen, wie wichtig die Zusammenarbeit der EU-Länder auf diesem Gebiet ist und noch ein großes Quiz zu den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gemacht. 

Der zweite Aspekt geteilter Erfahrung unserer beiden Länder war für uns die Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich und die Résistance. Dafür haben wir uns Spuren in zwei Städten näher angeschaut. In Lyon wurden die Trabouleserkundet, zahlreiche Gänge zwischen den Häuserzeilen, die nicht ausgeschildert sind, sondern sich hinter unscheinbaren Haustüren verbergen. Ursprünglich im Mittelalter erbaut, ermöglichten sie den Seidenwebern, ihre kostbare Ware auch bei Wind und Wetter unbeschadet und schnell in der Stadt zu transportieren. Für uns war ihre Bedeutung im 2. Weltkrieg wichtiger, weil die Einheimischen sie als Flucht- und Versteckmöglichkeit vor der Gestapo nutzten, die das komplizierte Netz dieser Gänge nicht durchschaute.
Zusammen mit ihren Austauschpartnern entdeckten die Schüler einige davon und dokumentierten die Adressen von Anfang und Ende eines Ganges. Ein Tipp für Frankreich-Urlauber: in den Straßen Saint Jean und Saint Georges finden sich gleich mehrere – man muss nur mal vorsichtig probieren, Haustüren zu öffnen!

Auf dem Rundgang durch Lyon haben wir auch den Palais de Justice gesehen, wo der deutsche Kriegsverbrecher Klaus Barbie 1987 verurteilt wurde. Er war von 1942 bis 1944 Chef der deutschen Gestapo dort und wegen seiner besonderen Grausamkeit als „Schlächter von Lyon“ gefürchtet.

Bei der Stadtrallye in Bourgoin-Jallieu stand die Gegenwehr der französischen Bevölkerung im Fokus, die Résistance. In gemischten Gruppen hatten die Schüler maximal zwei Stunden Zeit, zehn Stationen des Widerstands aufzusuchen und Fragen zu beantworten und die beste Gruppe wurde am letzten Tag im CDI ausgezeichnet.

Genauso wichtig wie die inhaltliche Arbeit war es, den Alltag in den französischen Familien kennenzulernen: eine ausnahmslos herzliche Aufnahme, ein überschaubares Frühstück, dafür umso aufwändigeres Abendessen und lange Schultage, bei denen viel geschrieben wird. Trotzdem fand sich Zeit für Familienausflüge, Kirmesbesuche und einen sehr schönen Abschlussabend. 

Die Verständigung in den Familien lief auf allen möglichen Kanälen, Englisch, Französisch, unter Zuhilfenahme von Händen und Geschwistern und in einem Fall (leider oder zum Glück – je nach Blickwinkel) auch auf Deutsch, weil sich ein Elternteil als fließend entpuppte.
So richtig traurig war der Abschied heute Morgen dann nicht, weil sich bei vielen die Perspektive weiterer Begegnungen ergeben hat. Zwei Familien haben schon ein Treffen in den Sommerferien im Visier und einige Schülerinnen und Schüler überlegen, im Rahmen von Erasmus+ im kommenden Schuljahr ‚ihrer‘ Familie und dem Collège Saint-Joseph einen etwas längeren Besuch abzustatten.